Kolumne

Von Stripperheels und Unter-Drüber-Wäsche

Es beginnt der Mai, wie er immer beginnt: Mit grüneren Bäumen, den ersten Eiskugeln und immer wieder kehrenden Stilfragen. Und es beginnt auch die Zeit der Nicht-Stilfragen, oder auch Unstilfragen, wie sie gerne von einigen genannt werden. Aber womit beschäftigen wir uns hier eigentlich?

Jeder von uns geht gerne raus, erkundet die Straßen, die Stadt, oder die Natur (was zu den weitaus nobleren Zielen gehört) und dabei fallen uns immer wieder die kuriosesten Erscheinungen auf, die wir uns nie allein hätten ausmalen können. Formulierte der Fotograf Tobias Koch es doch so schön mit der Phrase „Menschen, die sich als Fashionblogger verkleiden“, findet man von homosexueller Seite gerne Ausrufe wie „Mini 9/11“ oder die Wortneuschöpfung des Fatalgrads.  Wir reden hier von modischem Bewusstsein, welches von der Mehrheit der nach Eis suchenden Bevölkerung gerne als anstößig, widerwertig oder gar als ekelhaft bezeichnet wird.

Um einige Beispiele zu nennen, es sind Kleider, die ohne jeden Sarkasmus, von Weihnachtsbäumen nicht zu unterscheiden sind, Damenbekleidung, die oft mit Unterwäsche verwechselt wird und Kleidungsstücke, die sich gerne jeder Delle, Falte oder Ritze des menschlichen Körpers anschmiegen.  Sofern man fragwürdigen Kleiderwahlen bisher entgangen ist, so kann man sich durchaus glücklich schätzen, denn das, was Lady Gaga in großer Showattitüde zum Besten gibt, kann man im Vergleich zu dem, worüber ich hier schreibe, noch als stilvoll erachten.

 

Das gerade von mir so ein zynisches Urteil über die Mode anderer Leute kommt, mag für manche überraschend kommen, bin ich doch ein Paradebeispiel für Geschmacksverirrungen. Auch ich frage immer wieder bei Freundinnen nach, in welchem Maß sie Kombinationen aus verschiedenen Kleidungsstilen verwerflich finden – gut, tragen werde ich es trotzdem. Wahrscheinlich.

Gerade dieser Ausgefallenheit anderer Leute kann man jedoch einiges positives abgewinnen: Dass andere Menschen den Mut haben, Dinge umzusetzen, modetechnisch, die wir uns selbst nicht trauen. Ich erinnere mich an eine Freundin, welche jahrelang mit sich haderte, Absätze zu tragen, weil sie nicht billig und leicht zu haben aussehen wollte. Ein halbes Jahr später nach ihrer Offenbarung traute sie sich und vervollständigte in den Augen vieler ihr graziles Antlitz mit ein paar schönen Absätzen, die ihren Knackpo ein  paar Zentimeter höher über der Erde schweben ließen.

Auch ich probierte mich in inverser Form an Neuem: Kopieren des H&M Standardlooks: Halstuch, Cardigan, Skinny-Jeans und Viskosetop und zum ersten Mal in meinem Leben kam ich mir richtig verkleidet vor.

Für manche Menschen sich eben Unterwäsche anstelle von normaler Wäsche und Weihnachtsbaumschmuck anstelle von Modeschmuck das Normalste der Welt.  Und gerade von dieser Vielfältigkeit leben wir doch eigentlich. Wir sehen andere Menschen, möchten gerne dasselbe Oberteil, wie die Person vor uns, möchten auch mal Ledergürtel ausprobieren, wie der Mann an der Kasse hinter uns – und danach gerne ein Eis.

An dieser Stelle sei jedoch gesagt: Manchmal wünscht man sich, dass manche Leute sich etwas mehr so anziehen würden, dass einem nicht gänzlich die Lust auf das eben erwähnte Eis vergeht.