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Vanity Unfair

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“Ah, du machst YouTube Videos?” “Wie viel verdienste denn? Wie viel Klicks machstn?” “Also du bist ja viel weniger erfolreich als ich, ne…” diese und ähnliche Sätze häufen sich in letzter Zeit wie Motten in einem feucht-alten Sack Mehl. Seitdem das Phänomen YouTube seinen neuten Geburtstag feierte, scheint die Welt plötzlich durchzudrehen und völlig außer sich zu sein vor Ruhmfieber. Und auch die neueste Frage: “Wieso machst du überhaupt Videos? Das ergibt keinen Sinn, erfolgreich wirst du doch damit nicht?!” kommt immer häufiger. Die Antwort die ich immer auf Frage gebe ist: “Es macht mir Spass. Ich mache seit acht Jahren irgendwas mit Videos. Ich will damit kein Geld verdienen, aber es macht Spass.” Die Reaktion darauf? Ungläubige Gesichter.

Fragt man in letzter Zeit einen alten Bekannten oder irgendjemand dahergelaufenen, was man immoment so treibe, heißt es immer öfter: “Ich werde jetzt YouTube-Star. Ich will berühmt und reich werden.” Meist ist danach das Gespräch für mich beendet, ich renne zur nächsten Supermarkt-Kasse um mir mit einem Twix-Riegel diese selten dämliche Überheblichkeit mit einem Zuckerschock aus den Gedanken zu treiben. Wohin man blickt, Leute, die Videos machen wollen, machen keine Videos, weil es ihnen Spass macht, sondern weil sie sich für einen Messias halten.

“Ich nehme jetzt 60kg ab, lege 30kg Muskelmasse zu und werde der Held der Nation” ist eine schöne und irgendwo wohlwollend gemeinte Aussage; sich allerdings im Beast-Mode mit einer  “Ich bin besser als ihr alle”-Attitüde in den Mittelpunkt zu drängen, macht einem nicht zum Star, sondern zum unbeliebten Arschloch im Klassenzimmer. Und das Ganze betrifft natürlich nicht nur YouTube. Vielleicht aber ist YouTube in vielen Fällen ein Teil davon. Waren Twitter und Youtube vor ein paar Jährchen noch wie eine riesige Community, in der jeder mal trollte, lachte und rumalberte, baut sich derzeit eine Besatzungszone aus 3-Mann-Gefolgen der Communityhelden auf. Jeder hat jetzt einen Szenenamen für seine Gefolgschaft, die auch von “Leute” in “Follower”, wenn nicht sogar wirklich “Gefolgschaft” umbenannt wird. Kopfschütteln.

Die Liste mit gemuteten Accounts wächst und wächst. Scheinheilig versuche ich diese Bewegung zu ignorieren, hoffe das bald alle wieder zur Besinnung kommen, wie bei der Emo-Bewegung um 2000 und darauf zu warten, dass Videofilmchen wieder das süße nette Hobby sind, das sie mal waren, bevor jeder “Sponsoring”, “Produktplazierung” und “Markenhure” schrie, selbiges aber bei sich im Vorgarten praktizierte. Frei nach dem Motto “Alle Menschen sind gleich, manche sind jedoch gleicher” schlagen sich im YouTube-Land gekaufte Meinung gegenseitig die Freidenkerfassaden ein.

Ich hatte schon ein komisches Gefühl und kam mir sehr dumm vor, als ich anfing mein Essen für Restaurantbewertungen und meinen Blog zu knipsen und mich mit meiner Handycam zu filmen, um meinen Mädels in der Heimat zu zeigen, wie mein Leben in Berlin aussieht. Allerdings sehe ich mehr und mehr Menschen überall, mit GoPros am Kopf, die aus ihrem Leben einen kristallnen Dokumentarfilm machen wollen. Ich hatte gehofft, dass ein gemeinsamer Kirmesbesuch mit einem GoPro-Helm das höchste der Gefühle sei, aber nein. Videospieljournalisten, die sich beschweren, ihre Leser seien ihrer nicht würdig genüg und sie hätten es verdient, für ein beleseneres Publikum zu schreiben oder die der Meinung sind, dass Menschen sich verpflichten müssten, diese für ihre geistige Arbeit extra zu vergüten, schägt mir in den Magen, wie ein besoffener Randalist am Alexanderplatz.

Ich habe keine Worte, kein Verständnis und keine Nerven für diese Bewegung. Manchmal erträumt man sich bei einer Tasse Kaffee einen zweimonatigen Ausflug auf den Mond, nachdem man hoffte, es sei wieder alles normal in den Köpfen der Menschheit. Solange dies jedoch nicht der Fall ist, sorge ich dafür, dass nicht in, sondern auf meinem Kopf alles in Ordnung ist und entferne die Lockenwickler auf meinem Haar. Das sieht sexy aus. Und damit lässt sich bestimmt mehr Geld auf YouTube und als Kolumnistin machen.