Kolumne

Ich habe gerne recht

Restored nach Servercrash // Ich habe gerne recht. Soviel können wir an sich schon mal stehen lassen. Und es gibt immer mal wieder diese gewissen Momente, in denen ich daran erinnert werde, das mein rechthaberisches Getue manchmal gar nicht so fehl am Platz ist. Nehmen wir als Beispiel mal eine mir blutsverwandte Person, die sich, nach langem hin und her, dazu entschloss, eine neue Wohnung anzumieten. Und wir kennen es alle: Warum gucken wir uns alle IKEA-Kataloge, „Besser Wohnen“-Zeitschriften und Lifestyle-Messen an? Um uns inspirieren zu lassen, wie unser Irgendwann-Traumzuhause mal aussehen „können dürfen müsste“.

Aus irgendwelchen mir unerfindlichen Gründen scheinen Meeresgrund-Türkis und Frosch-frühlings-Lindgrün ein absoluter Trend zu sein. Und so entschied sich auch die mir nahestehende Person für diese Kombination. Ich binde meine Meinung eigentlich eher ungern Menschen penetrant unter die Nase (es sei denn ich kann meinem diabolischen Grammatik-Verbesserungsfetisch nachkommen), aber Wohnfarben (Der freundliche Fachberater der Baumarktkette des Vertrauens wird einem das niemals bestätigen!) sollte man immer drei bis vier Farbtöne heller mischen, als es die Grundfarbe (Also die Packungen, die man fertig abgepackt zu kaufen bekommt.) hergibt. Was im Baumarkt noch von allen Seiten mit Neon-LED-Röhren bestrahlt wird, bekommt seine Leuchtkraft zuhause höchstens durch eine viel zu spärliche Deckenbeleuchtung, sowie ein ohnehin schon durch Gardinen abgedunkeltes Fenster. Rein logisch, dass die Wunschfarbe unter Umständen gleich in eine ganz andere Farbkategorie einzuordnen ist, als sie es noch beim Erwerb war.

Das Ende vom Lied? Durch Lichtbrechung und Reflexion sieht der gesamte Raum, indem ich sitze und warte, dass endlich die bestellte Waschmaschine geliefert wird, aus, als hätte man ein erbrechendes Baby an einen Hyper-Zerstäuber eines Parfumflakons angeschlossen um mit seiner Hilfe die wohnlichen Wände in ein wunderschön wohlwollendes Baby-muss-sich-übergeben-und-tut-dies-auf-der-gesamten-Wand-grün zu hüllen. Von „Frosch“ oder „Lind“ ist hier nur noch wenig zu erahnen, würde auch Tine Wittler meilenweit durch die Verkehrsmeile schreien, wenn sie denselben Anblick ergatterte, wie ich. Ich hatte also recht. Ich würde lügen, sagte ich, ich hätte nicht darauf bestanden, aber so wirklich kann ich mich nicht an der Genugtuung erfreuen, als mir vielmehr darüber den Kopf zu zerbrechen, was wäre alles einfacher gelaufen, hätten alle Beteiligten von Anfang an auf mich gehört. Denn nun muss doch meinem Einwand Folge geleistet werden und die Wand wird neugestrichen. Aber war das wirklich nötig? Sind wir Menschen nicht einfach zu verpicht auf unsere eigene Meinung? Sollten wir uns mehr derer anderer annehmen oder haben wir einen gesunden Schutz aufgrund gemachter Erfahrungswerte aufgebaut? Oder fühlen wir uns einfach manchmal minderwertig, wenn wir merken, dass eine andere Meinung die bessere ist?

Mein Schlussplädoyer lautet also wie folgt: Menschen haben nicht grundsätzlich unrecht. Andere Meinungen sollte man doch ab und zu mal überdenken und sie mit seinen eigenen Gedanken abgleichen, anstatt der eigenen Spontanintention Folge zu leisten. Oder aber: Wer vorher zweimal denkt, streicht sein Leben nur einmal.