Kolumne

Alice im Drogenland

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Restored nach Servercrash / Es gibt solche Sachen, die in Märchen und Fabeln immer verheimlicht werden. Nehmen wir hier als Beispiel Alice im Wunderland. Die gute Alice versetzt sich selbst (wahrscheinlich mithilfe von  Drogen) ins Wunderland und erlebt dort fantastische Abenteuer. Gestern war Valentinstag und wahrscheinlich ist das auch einer dieser Tage, an denen sich Alice lieber als alles andere mit Drogen ins Wunderland geschossen hätte; obwohl… wenn man darüber nachdenkt… könnte es sein, dass Alice ihre Abenteuer am Valentinstag erlebt? Wann wird man sonst schon von dicken, runden, schlechtangezogenen Eiern namens “Humpty Dumpty” angebaggert? Und jetzt stellen wir uns mal vor, es ist Valentinstag und Alice nähme keine Drogen… ein dickbäuchiger, unattraktiver 42-jähriger Mann, der die kleine 16-jährige Alice anbaggert. Willkommen in der Realität. Aber auch auf anderen Ebenen ist der Valentinstag nicht nur der Boomtag für die Blumenindustrie, sondern auch für das Drogengeschäft. Ich gehe auf meinem Wandertag durch die Welt also weiter durch die Welt und harre an einem kleinen beschaulichen Blumenladen, der irgendwo, inmitten einer verwinkelten Straße einer Großstadt steht; es ist abends, in etwa 20 Uhr und das Blumengeschäft boomt. Ich sehe Türken und Kurden – und keine anderen Menschen. Männer, die vergessen haben, ihrer Liebsten oder dem Bumsdate des Abends etwas zu schenken und nun noch auf die Schnelle versuchen, die Wahrscheinlichkeit auf Versöhnungssex um 30% zu erhöhen. Ich freue mich. Irgendwie wirkt es eigentlich ganz romantisch zu sehen, dass sich einige Männer doch tatsächlich ein wenig ins Zeug legen, um Frauen ein Lächeln ins Gesicht, und ihre Kleider vom Körper zu zaubern.

Während ich mit meiner wahnsinnig gutschmeckenden und käseüberladenen Laugenstange die Stadtallée entlang streife, werde ich von Pärchen (übrigens die einzige Menschenkonstellation dieses Abends) fragend gemustert. Etwas verwirrt beginnt sich bei mir die Frage breit zu machen: “Ist der Valentinstag nur etwas für Pärchen?”. Ich erinnere mich an den Morgen, an dem die Douglas-Fachverkäuferin meine Mutter und mich dazu brauchte, uns gegenseitig Kosmetik zu schenken. Könnte der Valentinstag etwa auch ein Tag für Freundinnen oder sogar Singles sein? Ein Mann kommt wahrscheinlich weniger auf die Idee, als meine Mutter, meinen Kosmetikschrank nach fehlenden Farbnuancen zu durchzusuchen und so ein Geschenk auszuwählen, was für ein überraschtes Lächel sorgt. Ein Mann hingegen besorgt Blumen. Die Verkäuferin wird schon wissen was sie tut. Dieses Denken beruhigt mich. Und werde zufrieden. Ich hatte also beschlossen, den Valentinstag zu meinem eigenen kleinen Urlaubstag zu krönen und während ich an einem Schokoladenbetrieb langstreife, fällt mir das Rabattschild am Fenster auf. Meinen Geschmack genau kennend, beschenke ich mich selbst, mich selbst aufrichtig und ehrlich selbstliebend, mit feinster industriell hergestellter Kokosschokolade und gönne mir weitere Käse-Salat-Laugenstangen. Ein Gedicht. Ich versuche mir die Zeit bis zu meiner Verabredung (… am Valentinstag… wie Klischee… ehrlich, Leute!) mit einer Buchhandlung zu verkürzen. Mir fällt ein Buch auf, dass von dem berühmten Schriftsteller Paulo Coelho stammt und den Namen “Brida” trägt. Es war mir schon häufiger aufgefallen, da ich eine andere Geschichte eben dieses Schriftstellers gelesen hatte und mich für andere Geschichten von ihm begeistern wollte. So kam es, dass ich die Geschichte der Brida wählte – eine Geschichte über den Glauben an die Liebe, über Selbstfindung und Magie. Somit war mein reichbeschenkter, schokoladenüberhäufter Abend mit einer schönen Lektüre perfekt.

“Gleich kommt meine Bahn; die Letzte” war wohl der Gedanke, der mich fesselte, als ich die Bahnstufen zur Eisenbahn hinaufstieg. Ich setzte mich in die Bahn, die regulär eine Viertelstunde hielt. Mein Telefon klingelte. Ich hatte bereits erwartet, dass mich wiedermal eine hollywoodreife Filmszene erwarten würde – und wie gesagt, es kam genauso, wie ich es erwartet hätte. “Sag, dass ich Aussteigen soll – und ich mache es.” Natürlich, wie es sich für Männer gehört, war er viel zu kaputt vom Sporttraining und sagte ab,… die Menschen in der Bahn sahen mich mit einem bemitleidenden Blick an, mit der Enttäuschung, dass soeben, vor ihren Augen eine Szene stattfand, die sie alle aus Filmen kannten und die sich zwangsläufig immer zum Positiven wenden musste. In diesem Moment kam mir nur eine Frage in den Sinn:  “Wer zum Teufel hatte festgelegt, dass solche Situationen immer so und so enden müssen?” Dreißigjährige Nerds, die die Filmscripts zu verkitschen Hollywood-Filmen Tag ein Tag aus verfassten und nichts anderes in ihrem Leben hatten? Wider Erwarten der Zugpassagiere begann ich zu lächeln, mich zu setzen und die einleitenden Worte “Wir hatten immer in einem Café in Fourdes zusammen gesessen…” und mir wurde eines klar: Ich war eine Alice. Und anstatt unter einem Apfelbaum, saß ich in einem Zug… und die einzige Droge, die ich brauchte, trug den Namen “Schokolade”.